Ausgabe Nr.1 / 2001
Rückbesinnung für die Zukunft

Das zweite Jahrtausend haben wir nun endgültig hinter uns gelassen. Die letzten 200 Jahre haben das Antlitz unserer Erde entscheiden geprägt. Auch die Menschen haben sich verändert, vor allem in den Industrienationen. Dort ist zu beobachten, dass die Entwicklung nicht immer nur zum Besseren und Schöneren führt, sondern auch zu Umweltzerstörung, Krankheiten u.v.a.m. An der Schwelle eines neuen Jahrtausends scheint es angebracht, aus einem Rückblick heraus den eigenen Standort zu bestimmen und die Erwartungen an die Zukunft zu entwickeln.
Der DHV ist eine Richtungsgewerkschaft auf christlich-sozialer Grundlage, was ihn wohltuend von anderen Gewerkschaften unterscheidet: Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht der ganze Mensch und nicht nur sein wirtschaftliches Wohlergehen. Der DHV verfügt über ein aus dem Christentum kommendes Menschenbild und eine Vorstellung der Gesellschaftsordnung, in der dieses bestmöglich verwirklicht werden kann. Der vor einiger Zeit in der Öffentlichkeit heftig diskutierte Begriff "Leitkultur" stößt daher beim DHV auf Zustimmung, wenn er als Richtschnur für eigenes Handeln definiert wird und nicht als Heilslehre, die anderen aufzuzwingen ist.
Aus diesem Bild von Mensch und Gesellschaft ergeben sich die anzustrebenden Ziele, die ständig den sich verändernden Verhältnissen anzupassen sind. Das gilt auch für das Arbeitsfeld einer Gewerkschaft - gerade das Arbeitsleben unterliegt großen Veränderungen, die sich dynamisch immer mehr beschleunigen. Gewerkschaften als berufene Interessenvertreter der Arbeitnehmer müssen diesen Prozess mitgestalten.
Das zwingt dazu, die eigenen Überzeugungen permanent in Frage zu stellen und die Interessen immer wieder neu zu definieren. Die Erhaltung von Besitzständen reicht zur Meisterung der Zukunft nicht aus. In fast allen Industrienationen verlieren die Gewerkschaften an gesellschaftspolitischer Bedeutung, und auch an Mitgliedern. Die Ursache liegt in der mangelnden Anpassungsfähigkeit an die Rahmenbedingungen der Arbeitswelt: welche Arbeitnehmerinteressen müssen heute mit welcher Zielsetzung vertreten werden.
Die allgemeine Wohlstandssteigerung hat auch die Arbeitnehmer erreicht. Die anteiligen Ausgaben der Arbeitnehmer für Lebensmittel sinken, für Kosmetik und Auslandsreisen z.B. steigen. Dabei sinkt der Anteil der Personalkosten in den Betrieben durch die weitere Technisierung immer mehr. Wenn man diese Entwicklungen in Beziehung setzt zu der Tatsache, dass die Kaufkraft der Arbeitnehmer seit zehn Jahren stagniert, so ist Nachdenken über die Tarifpolitik angesagt. Denn diese ist bisher das ausschließliche Instrument, mit dem für die Arbeitnehmer ein gerechter Anteil am gemeinsam im Betrieb erwirtschafteten Ergebnis erzielt werden soll.
Nachdenken ist auch angesagt bei weiteren Arbeitnehmerinteressen, z.B. der sozialen Sicherung gegen die Risiken, die einzelne Arbeitnehmer nur kollektiv abdecken können: Alter, Krankheit, Pflege, Arbeitslosigkeit. Ziel ist ein hohes Maß an Sicherheit, das auf allen Feldern erreicht ist - oder war. Je höher das kollektive Niveau, desto höher auch der kollektive Preis, der volkswirtschaftlich zu Buche schlägt. Müssen Arbeitnehmer ebenso umfassend abgesichert werden wie vor 100 oder 50 Jahren, oder können sie bei gestiegener Bildung und Wohlstand ein Mehr an Selbstverantwortung übernehmen?
Arbeitgeber schütten aus wirtschaftlichen Gründen das Kind dann mit dem Bade aus, z.B. wenn sie eine starke Herabsetzung des Rentenniveaus fordern. Dann gerät die beitragsfinanzierte Rente unter das Niveau der Sozialhilfe, an der Arbeitgeber als Steuerzahler dann doch wieder beteiligt sind. Das System der beitragsfinanzierten Renten hätte sich dann selbst ad absurdum geführt, denn wenn man über Sozialhilfe ein höheres Alterseinkommen erhält, kann man keinen solidarischen Beitrag ein fordern.
Im Mittelpunkt der Gesellschaft steht der Mensch, nicht die Wirtschaft. Vielmehr dient die Wirtschaft der sozialen Wohlfahrt des Menschen und macht diese erst möglich.
Unabdingbar ist daher für eine florierende Volkswirtschaft die Balance zwischen den Ansprüchen der Menschen bzw. der Arbeitnehmer und den Notwendigkeiten der Wirtschaft.
Wir wünschen uns, an der Schwelle eines neuen Jahrtausends, dass diese Balance durch neue Denkansätze gewahrt bleibt und damit auch in Zukunft sozialer Fortschritt für die Arbeitnehmer möglich wird.
Jörg Hebsacker
Verbandsvorsitzender