Ausgabe Nr.4 / 2002
DHV - die berufsgewerkschaftliche Alternative

Der 17. ordentliche Verbandstag liegt zurück. Die Verbandstagsabgeordneten nahmen den Rechenschaftsbericht des Hauptvorstandes entgegen, sie wählten einen neuen Hauptvorstand, befassten sich mit aktuellen gewerkschafts- und gesellschaftspolitischen Themen und diskutierten die Herausforderungen, vor die sich die Gewerkschaften angesichts der Veränderungen der Arbeitswelt und der zunehmenden Globalisierung gestellt sehen.
Bedeutungsverlust der Gewerkschaften
Der Weltarbeitsbericht der ILO - International Labour Organisation - für 1997/1998 weist einen weltweiten Bedeutungsverlust der Gewerkschaften nach. Verbunden damit ist in der Regel auch ein Mitgliederverlust. Im Gegensatz zum DHV und den christlichen Gewerkschaften, deren Mitgliederzahlen "nur" stagnieren, laufen den DGB-Gewerkschaften die Mitglieder in Scharen davon. In zunehmendem Maße wird die Arbeit der Gewerkschaften von den Arbeitnehmern offensichtlich immer weniger akzeptiert.
Im Herbst 2000 startete der DHV sein "Projekt 2005", dessen erste Teilergebnisse jetzt vorliegen. Ausgehend von gründlichen Analysen über die Veränderungen der Arbeitswelt und deren Auswirkungen auf die Arbeitnehmer stellte der Verbandstag die Weichen für eine neue Ausrichtung des DHV: Die in den 60-er-Jahren erfolgte Öffnung des Verbandes für die unterschiedlichsten Angestelltenberufe wird zurückgenommen. Künftig stehen kaufmännische und verwaltende Berufe im Mittelpunkt seiner gewerkschaftlichen Arbeit, die durch berufsbezogene Dienstleistungen und Angebote ergänzt werden soll.
Je dichter eine Gewerkschaft mit ihrer Arbeit an die Arbeitsplätze und damit an die konkreten Bedürfnisse und Nöte der Arbeitnehmer herankommt, so ist die Überlegung, desto eher wird sie von diesen akzeptiert werden. Die neue Organisationsstruktur soll durch ein inhaltliches Kontrastprogramm, z.B. gegenüber den Gewerkschaften des DGB ergänzt werden. Deren galoppierender Mitgliederschwund beweist, dass die gewerkschaftlichen Ziele und Wege des DGB von den Arbeitnehmern immer weniger angenommen werden.
Die Tarifrunde 2002
Ein gutes Beispiel dafür bietet die Tarifrunde des Jahres 2002. Kann man denn ernsthaft erwarten, dass mündige Arbeitnehmer eine Forderung von 6,5% ernst nehmen? Vielleicht glauben einige Gewerkschaftsaktivisten daran, dass man z.B. im Einzelhandel bei sinkenden Umsätzen die Personalkosten beliebig erhöhen kann. Aber wie in jedem Jahr wird es einen Abschluss geben, dessen Höhe mit der Forderung wenig zu tun hat. Und in manchen Wirtschaftsbereichen wird ein erstreikter Abschluss zur Beschleunigung der Rationalisierung und zu verstärktem Personalabbau führen. Das schafft keine Akzeptanz bei der Mehrzahl der Arbeitnehmer. Und schon gar nicht bei den Arbeitnehmern der Zukunft, die mit ihrer ständig steigenden Qualifikation und Verantwortung für die Tarifrituale von vorgestern nur ein müdes Lächeln übrig haben können. Damit gewinnt man dauerhaft keine Mitglieder!
Der zunehmenden Differenzierung der Arbeitswelt setzen die DGB-Gewerkschaften Nivellierung und ihren Machtanspruch entgegen, eine Strategie, die langfristig nicht bestehen kann. Im Gegensatz dazu schafft der DHV berufs- und funktionsbezogene Strukturen, die den Arbeitnehmern wieder eine gewerkschaftliche Heimat bieten. Die Mitglieder des DHV sind eingeladen, an diesem Zukunftsprojekt mitzuwirken.
Jörg Hebsacker
DHV - Verbandsvorsitzender