Ausgabe Nr. 5 / 2004

Perversion eines sozialen Staates

In unserem Sprachgebrauch wird das Wort „sozial“ mit „gut“ gleichgesetzt. Unsozial hingegen meint etwas Schlechtes. Wenn einem Menschen etwas gewährt wird, ist das sozial. Wenn man ihm etwas nimmt, ist das unsozial. Ist die Welt wirklich so einfach? Ist nicht der Begriff des Sozialen untrennbar mit der Gerechtigkeit verbunden?

Wenn freiwillige, individuelle Hilfe, z.B. aus christlicher Nächstenliebe heraus gewährt wird, ist das sozial – ja es ist sogar die moralische Grundlage unserer Wertvorstellungen. Wer nichts oder wenig hat, muss dabei auch wenig geben. Der Sozialismus aber hat das pervertiert, indem er das Teilen zur Pflicht erhebt. Das Prinzip der Freiwilligkeit ist weg.

Auch die kollektive Hilfe durch den Staat muss bezahlt werden. Der Staat sind wir. Also bezahlen wir uns selbst. Soziale Leistungen werden aus dem allgemeinen Steueraufkommen gewährt, das in weitem Maße von den Arbeitnehmern finanziert wird. Wenn keine Brötchen gebacken werden, kann man auch keine an Hilfsbedürftige verteilen. Vor der sozialen Teilung kommt daher die Leistung. Geht diese zurück, müssen auch die Hilfen zurückgehen. Das ist nicht unsozial, sondern um der Gerechtigkeit willen geboten.

Das Ziel von Hartz IV ist an sich nicht unsozial, weil es überall weniger gibt – viele tarifliche Leistungen werden gestrichen und übertarifliche abgesenkt, und das schon seit Jahren. Das trifft die Arbeitnehmer, die über ihre Steuern ja auch die Arbeitslosen- und Sozialhilfe bezahlen. Es ist daher unausweichlich, dass auch die sozialen Umverteilungsleistungen abgesenkt werden. Ob in Hartz IV immer das richtige Maß gefunden wurde, soll an dieser Stelle nicht untersucht werden.
Meine Kritik an Hartz IV richtet sich gegen die Umsetzung, das Verfahren und mannigfache Details, von denen nur zwei herausgegriffen sein sollen: Wenn ein Hilfsbedürftiger einen 16-seitigen Fragebogen auszufüllen hat, so mag das aus der Sicht der befassten staatlichen Stellen notwendig sein; es geht aber doch an die Grenze des menschlich Erträglichen. Es zeigt aber, dass ein immer größerer Teil der aufgewendeten finanziellen Mittel nicht mehr die Bedürftigen erreicht, sondern von einer überbordenden Sozialbürokratie aufgezehrt wird.

Bisher unterhielten die Eltern die kleinen Kinder. Damit ist jetzt Schluss! Wenn ein Kleinkind von den Großeltern etwas bekommen hat, wird dadurch eine Unterhaltspflicht gegenüber den arbeitslos gewordenen Eltern begründet. Auch das von den Eltern in guten Zeiten angelegte Geld, z.B. für die Ausbildung, wird in die Unterhaltspflicht einbezogen. Das ist pervers, weil die soziale Ordnung auf den Kopf gestellt wird – wie kann ein Kleinkind die Eltern unterhalten?

Auch die in guten Zeiten selbstverantwortlich aufgebaute Altersvorsorge wird durch Arbeitslosigkeit aufgezehrt. Folge ist, dass immer mehr Bürger, die der Arbeitslosigkeit anheim fallen, mittel- und langfristig zum Kostgänger des Staates werden müssen. Wenn man über längere Zeit hinweg nicht mehr selbstverantwortlich handeln kann oder darf, so hat das Auswirkungen auf die Persönlichkeitsbildung. Das zeigt sich bei den Hartz IV-Demonstranten: Anspruch geht vor Leistung! Das ist der Tod der sozialen Idee.
 
Der Sozialstaat produziert seine eigenen „Kunden“. Es ist höchste Zeit, dass die soziale Idee neu konzipiert wird.

Jörg Hebsacker

DHV-Verbandsvorsitzender


Themen der DAZ 5 - 2004:

  • Tarifarbeit: Vorsicht Falle IG-Metall bei Tischlerhandwerk
  • Tarifabschluss im Bankgewerbe
  • Arbeitszeit: Wer bietet mehr?
  • Krankenversicherung: Mehr Kapitaldeckun! (Gastbeitrag von Gerhard Preckel, Gesamtbetriebsratsvorsitzender der Central Krankenversicherung AG)
  • DHV-Entschließung zur Gesundheitspolitik
  • Keine Privatisierung des Unfallrisikos auf dem Weg zur Arbeit
  • Hartz IV: Das Chaos regiert
  • Kein Abbau des Kündigungsschutzes
  • Positionen zur Rechtschreibreform
  • Fachgerichte erhalten
  • Neues Beruf sbildungsgesetz ab 2005: Bedenken des DHV
  • CGM-Verfahren: Kurioses vom Arbeitsgericht Stuttgart
  • Mitbestimmungsskandal beim BHW
  • Informationen zu den Wahlen zur Jugend- und Auszubildendenvertretung

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