Ausgabe Nr. 3 / 2005
Deutschland vor dem Absturz

Überlegungen zum Sozialbericht 2003
Von der
Bundesregierung wurde jetzt der jährlich zu erstellende Sozialbericht
für das Jahr 2003 vorgelegt. Er weist ein Gesamtbudget von 694,5
Milliarden aus, was einer Sozialquote von 32,6 % entspricht. Die Zahlen
für das Jahr 2004, und noch mehr für 2005, werden keine Trendumkehr
bringen, sondern eher noch eine Erhöhung der Sozialquote und eine
Verschärfung der Probleme. Die Sozialquote beschreibt die Relation
zwischen der Summe der Sozialausgaben und dem Bruttosozialprodukt
(BSP). Im Klartext: etwa jeder dritte Euro, der in unserer
Volkswirtschaft erleistet wird, fließt in die unterschiedlichsten
Sozialhaushalte und wird umverteilt.
Bedenklich ist,
dass die Sozialquote von 32,6 % um 1,2 % höher ist als im Vorjahr,
während das BSP nur um etwa 0,2 % stieg: Die Schere zwischen den
sozialen Aufgaben und der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit öffnet
sich weiter. Die Schieflage verstärkt sich, denn von den anderen zwei
Dritteln müssen die Menschen ihren Lebensunterhalt bestreiten, der
Staat seine Aufgaben erfüllen, und die Wirtschaft soll die Grundlage
dafür liefern, nebenbei noch investieren und Arbeitsplätze schaffen.
Eigentlich ist
es eine Selbstverständlichkeit: wenn wir nicht ausreichend Güter oder
Dienstleistungen schaffen, können wir auch keine verteilen, volksnah
ausgedrückt: wenn wir keine Brötchen gebacken haben, können wir
hungrige Bedürftige damit nicht sättigen. Diesem Zustand nähern wir uns
aber mit zunehmender Geschwindigkeit. Ein Drittel aller geschaffenen
Werte fließt in den volkswirtschaftlichen Bereich „Sozialquote“. Die
wesentlichen Bereiche der Sozialquote leiden (trotz der hohen Quote)
unter gewaltiger Finanznot: Rentenversicherung, Pflegeversicherung, bis
vor kurzem auch die Krankenversicherung, an deren nachhaltiger
Sanierung erhebliche Zweifel bestehen. Auch die
Arbeitslosenversicherung, zusammen mit der Sozialhilfe in Hartz IV
vereint, ist ein offenes Feld, dessen Folgen erst nach und nach
erkennbar werden und das seine Bewährungsprobe längst noch nicht
bestanden hat.
Die
Sozialsysteme blockieren einen immer größeren Teil unserer
Volkswirtschaft und belasten diese über die paritätische Finanzierung
immer mehr. Dieser Belastung ist die Wirtschaft seit längerem nicht
mehr gewachsen, Folge ist u.a. eine gleich bleibend hohe, wenn nicht
gar ständig steigende Arbeitslosigkeit mit den aus ihr folgenden
Beitragsausfällen in allen Sozialversicherungszweigen. Die Katze beißt
sich in den Schwanz. Gelingt es uns nicht, diesen Teufelskreis zu
durchbrechen, wird sich unsere Volkswirtschaft nicht erholen können.
Die bevorstehenden Ergebnisse sind im Ansatz schon jetzt erkennbar:
Die frühere
Wirtschaftslokomotive Deutschland trägt in der EU inzwischen die rote
Laterne in der konjunkturellen Entwicklung. Früher gehörten wir im
Wohlstand zur europäischen Spitzengruppe. Inzwischen haben uns die
meisten Staaten überholt – wir liegen im hinteren Mittelfeld der EU und
werden, wenn nichts Entscheidendes passiert, bald von den ersten
Beitrittsländern überholt werden. Wann begreift man in der Politik,
dass nicht der Versuch einer gerechten Verteilung des zunehmenden
Mangels das Gebot der Stunde ist, sondern die Befreiung der Wirtschaft
und der Sozialsysteme aus der Bürokratie des Staates und der
Bevormundung durch das „Primat der Politik“?
Jörg Hebsacker
Lesen Sie in der neuen DAZ-Ausgabe 3/2005
Themenschwerpunkt: Unsere gesetzliche Sozialversicherung
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- Der "unerträgliche Jubel" von Wirtschafts- und Arbeitsminister Wolfgang Clement
- Wirtschaft: Insolvenzgläubiger verlieren Milliarden
- Mit Vollgas gegen die Wand in der Sozialversicherung
- Krankenkassen dürfen keine Schulden machen - Theorie und Realität im Widerspruch
- "Jeden Cent geben wir an die BA weiter" - Berufsgenossenschaften und Insolvenzgeld
- Selbstverwaltung und Politik: Anmerkungen zu den Sozialwahlen 2005
- Die Steuervereinfachung ist tot! Es lebe die Steuervereinfachung!
- Für die Zukunft unserer Sozialversicherung - Endlich Arbeit schaffen. Bericht über die Maikundgebung des CGB in Dingolfing
- Geschlechterquote statt Demokratie - Ein Kommentar zum Urteil des Bundesarbeitsgerichts
- Der stechende Igel als Symbol: Kamikaze - Jugend mit Biss
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