Ausgabe Nr. 4 / 2005

Deutschland im Aufbruch?

War der 1. Juli 2005 – der Tag der Abstimmung im Deutschen Bundestag über die Vertrauensfrage von Bundeskanzler Schröder – der Startschuss für eine Erneuerung Deutschlands?

Die Begleitumstände sind negativ. Die „WELT“ titelte am nächsten Tag: „Rot-Grün misstraut jubelnd dem Kanzler“ und sprach von der „Dialektik des Irrsinns“. In der Tat: Hätte der Kanzler tatsächlich das Vertrauen der Regierungsfraktionen verloren, könnte nicht der SPD-Partei -und Fraktionsvorsitzende Müntefering in der Aussprache zu dem Antrag feststellen, die Fraktion sei sich „einig im Bewusstsein, dass Gerd Schröder als Bundeskanzler das Vertrauen der SPD-Bundestagsfraktion hat und dass wir ihn weiter als Bundeskanzler haben wollen“. Klarer kann man nicht darstellen, dass es sich bei diesem Vorgang um eine groß angelegte Täuschungsaktion handelt. Man lehnt die Politik des Kanzlers ab, will aber nicht auf ihn verzichten, weil er Wahlen gewinnen kann. Die unaufrichtige Politik der SPD wird damit nahtlos fortgesetzt.

Bundespräsident Köhler wird es schwer haben, angesichts dieser Situation den Bundestag verfassungskonform aufzulösen. Dass der ehemalige Bürgerrechtler und Grünen-Abgeordnete Werner Schulz gegen die Auflösung vor dem Bundesverfassungsgericht klagen wird, zwingt zu höchster juristischer Sorgfalt.

Dabei ist man sich einig: eine große Mehrheit der Bundesbürger wünscht sich Neuwahlen, alle Parteien und auch die meisten Verbände. Die verheerende Wirtschafts- und Sozialpolitik der derzeitigen Bundesregierung würde besser heute als morgen beendet. Was aber kommt danach? Werden die Unionsparteien die Kraft aufbringen, die notwendigen Reformen nachhaltig zu gestalten? Zweifel sind erlaubt: Sollte z.B. die Mehrwertsteuer tatsächlich erhöht werden, wird das die Binnennachfrage der Verbraucher verringern. Wenn diese 100 € auszugeben haben, so kaufen sie derzeit für 84.- € Ware ein, der Rest sind die 16 % Mehrwertsteuer. Würde dieser Satz auf 20 % erhöht, kaufen sie für die 100 € nur noch Ware für 80.- € ein. Das wäre ein Aufschwung -Verhinderungsprgramm.

Auch mit der Wahrheit und Klarheit hapert es. Da winkt die Union das Renten-Notprogramm im Bundestag einfach durch und will auch im Bundesrat zustimmen. Durch das Vorziehen der Beitragszahlungen kommt aber nicht mehr Geld in die Rentenkasse. Spätestens im Herbst 2006 wird das Finanzloch in größerer Form wieder auftauchen und die dann amtierende Regierung zu einer Beitragserhöhung zwingen. Jeder weiß, dass die Rentenversicherung seit Jahren unterfinanziert ist - warum handelt man nicht? Oder denkt man sich schon wieder neue Finanztricks aus?

Die künftige Regierung steht vor großen Herausforderungen. Vor allem muss den Bürgern klarer Wein eingeschenkt werden. Die Lösungsansätze müssen ordnungspolitisch durchdacht sein und nachhaltig wirken. Nur dann kann eine Regierung für ihre Politik bei den Bürgern neues Vertrauen gewinnen.

Jörg Hebsacker



Lesen Sie in der neuen DAZ Nr. 4/2005

Themenschwerpunkt: Bundestagswahl 2005 - Deutschland im Aufbruch?
  • Was ist zu tun und was ist nicht zu tun: System- und Demokratiekritik
  • Am Scheideweg - Ist der Bürger für den Staat da oder hat umgekehrt der Staat dem Bürger zu dienen?
  • "Vorrang für Arbeit!" Bei der Wortwahl für das Motto fängt das Problem bereits an!
  • Arbeitsmarkt: Praxisfremde und bürokratische Vorschriften bei der Meldung zur Arbeitslosigkeit
  • Arbeit soll sich lohnen durch neue Zuverdienstmöglichkeiten bei Hartz IV
  • Aufgespießt: Abgespeckter Regelungsunfug - Einnahmemöglichkeiten für den Finanzminister - Das neue Logo
  • Bankrotterklärung einer Gewerkschaft: Ein Rundbrief an die Kolleginnen und Kollegen des DRK Sachsen
  • "Und schuld ist nur der DHV" - Das verdi-Horrorszenario in der privaten Versicherungsbranche
  • Aus der Berufswelt: Ängste und Erfahrungen eines Versetzten
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  • GEX-Gesellschaften haben die Nase vorn und sind besser als der DAX
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