Ausgabe Nr. 5 / 2005

Erwartungen an die neue Bundesregierung

Dass die Bundesregierung unter Kanzler Schröder wirtschafts- und sozialpolitisch gescheitert ist, bestreitet nur noch sie selbst. Ihr die alleinige Schuld zuzuschieben, wäre jedoch falsch: alle früheren Bundesregierungen haben zum derzeitigen Stand  beigetragen: Eine Abgabenquote von fast 50 %, davon über 30 % für soziale Zwecke, jeder dritte Euro muss inzwischen für den Schuldendienst der Regierungen ausgegeben werden. Allen Absichten zum Trotz wächst die Bürokratie ständig weiter und verschlingt Unsummen.
Wesentliche Ursache ist der Verlust des ordnungspolitischen Rahmens, die ständige Aushöhlung bzw. Missachtung der Prinzipien der sozialen Marktwirt-schaft, wie sie von Ludwig Erhardt, dem Vater des so genannten Wirtschaftswunders Anfang der 50-er Jahre geschaffen und politisch umgesetzt wurden.

„Marktwirtschaft als ökonomisches Prinzip bedeutet, dass sich jeder einzelne Mensch frei entfalten kann, dass er als Unternehmer nicht vom Staat behindert oder gegängelt wird.
    

[…] Denn frei […] ist nur derjenige, der gewiss sein kann, kraft eigener Leistung und eigener Arbeit bestehen zu können, ohne Schutz, aber auch ohne Behinderung durch den Staat.

Das war doch das Übel, […] dass der Staat zu viel Einfluss auf die Wirtschaft ausgeübt hat. Wenn dem Einzelnen immer mehr Verantwortung entzogen wird, dann ist es nur eine Selbstverständlichkeit, dass sich der Einzelne sagt: „Wenn ich mich schon nicht frei entfalten kann,[…] dann, lieber Staat, trage du auch bitte die Verantwortung für mein ökonomisches Schicksal.” […] Wir haben eine konsequente Politik betrieben, die Erfolg hatte und die fortgesetzt werden muss.“

Diese Zitate aus einem Vortrag, den Ludwig Erhardt schon im Jahre 1954(!) gehalten hat, sollten einer künftigen Regierung zur Kursbestimmung dienen: Weniger Staat, mehr Selbstbestimmung und mehr Selbstverantwortung der Bürger begründeten Anfang der 50-er Jahre das so genannte Wirtschaftswunder, das nach Ansicht von Erhardt kein Wunder, sondern „nur“ das Ergebnis einer konsequent durchgeführten Ordnungspolitik war, in deren Mittelpunkt nicht der Staat stand, sondern die Verantwortung und Freiheit seiner Bürger. Schon Ende der 60-er-Jahre wichen die Regierungen von dieser Grundlage der sozialen Marktwirtschaft ab, „beglückten“ ihre Bürger mit immer mehr Umverteilung und machten sie damit abhängig – Hartz IV lässt grüßen.

„Der Staat hat nicht die Aufgaben, die Wirtschaft und wirtschaftenden Menschen zu gängeln. Und wenn er das tut, hat das üble Folgen.“

Diese Folgen kann man heute allenthalben besichtigen; der Staat ist seit längerem nicht mehr in der Lage, seinen sozialen Verpflichtungen gegenüber den Bürgern nachzukommen. Die Grundlagen einer sozialen Marktwirtschaft bleiben auch bei geänderten wirtschaftlichen Voraussetzungen gleich. Die Politik muss sich daher an den Menschen ausrichten und nicht an angeblichen Notwendigkeiten des Staates.

Die Berufung von Paul Kirchhof in das Kompetenzteam (und ggf. hoffentlich auch in ein Kabinett) ist ein Lichtblick: er denkt und handelt aus einem christlich-sozialen Menschen- und Gesellschaftsbild heraus. Er bedarf dazu - wie Erhardt - einer gleich gesinnten Mannschaft zur politischen Durchsetzung seiner Vorstellungen. Angesichts der inneren Machtverhältnisse der Unionsparteien bleiben Zweifel, ob der erforderliche Richtungswechsel eine Chance hat. Deutschland wäre das zu wünschen.

Jörg Hebsacker



Lesen Sie in der neuen DAZ Nr. 5 - 2005

Themenschwerpunkt: Wahl 2005: Rückblicke, Ausblicke und Erwartungen

  • Und er wuchert doch: Kosten für den Sozialstaat drohen aus dem Ruder zu laufen
  • Das Experiment Rot/Grün - Nur ein Instrument zur Umsetzung sozialer Härten?
  • Vertrauen in den Standort Deutschland verbessern. CGB-Standpunkte zur Bundestagswahl 2005
  • Die skurrilen Vorschläge um die Gehälter von Betriebsräten
  • "Da wundert es nicht, dass die Austrittswelle rollt": Eine Klinikgruppe, die ver.di-Clearingstelle und ein Sanierungs-Tarifvertrag
  • Aufgespießt: Obrigkeitsstaatlicher Starrsinn, Meinungsumfrage mal anders, deutsche Beamtenvorschriften
  • Arbeit immer sicherer - Ausgaben der Berufsgenossenschaften sinken gegen den Trend
  • Verfassungskonform? Wahlverfahren im Mitbestimmungsgesetz
  • Immer weniger Aktionäre über ihr Stimmrecht aus - Kapitalpräsenz auf Hauptversammlungen
  • Aus dem Verband: Zukünftige Herausforderungen für Jung und Alt
  • Weltjugendtag 2005: Die DHV-Jugend Baden-Württemberg war dabei


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