02. Jun. 2010

Rente mit 70 ist nicht zielführend – stattdessen das Potential der Älteren besser nutzen!

Die Berufsgewerkschaft DHV erteilt den Überlegungen der EU-Kommission zur schrittweisen Einführung der Rente mit 70 Jahren eine Absage. Der Vorschlag der EU-Kommission ist nicht zielführend. Er löst nicht das Problem des demographischen Wandels, sondern verschärft nur noch das in Deutschland ohnehin schon hohe Risiko der Altersarmut.

Deutschland befindet sich mit der ab 2012 beginnenden Heraufsetzung des Rentenalters auf 67 Jahre in einer Umbruchsphase. Anstatt über eine weitere Heraufsetzung des Rentenalters auf 70 Jahre zu diskutieren, sollte erst einmal dieser Prozess abgeschlossen und die Voraussetzungen dafür geschaffen werden, dass ältere Beschäftigte auch tatsächlich mit einer sozialversicherungspflichtigen Tätigkeit ihr Rentenalter erreichen können. 

Deutschlands Bevölkerung wird zwar älter. Das bedeutet aber längst noch nicht, dass im höheren Alter die körperliche und geistige Leistungsfähigkeit erhalten bleibt. Das betrifft vor allem körperlich anstrengende berufliche Tätigkeiten, die zudem oft auch niedrig bezahlt werden, wie z.B. Reinigungs- und Lagerarbeiten, einfache Bauberufe, die Arbeit an Fließbändern oder die Arbeit im Pflegebereich. Es ist sehr fraglich, ob die Beschäftigten in solchen Tätigkeiten Chancen haben, bis 67 Jahren arbeiten zu können. Kaum vorstellbar ist jedoch, dass sie bis zu einem Alter von 70 Jahren den Belastungen einer vollwertigen beruflichen Tätigkeit gewachsen sind. Ein/e 69 Jahre alte/r Arbeitnehmer/in wird schwerlich auf dem Bau arbeiten oder in Pflegeheimen alte Menschen umbetten können.

Die Konsequenz einer Heraufsetzung des Rentenalters auf 70 Jahre wäre, dass nur wenige dieser Arbeitnehmer das reguläre Rentenalter erreichen würden und viele von ihnen in ihren letzten Berufsjahren in die Arbeitslosigkeit oder mit erheblichen Abschlägen in Rente gehen müssten. Die Gefahr der Altersarmut würde steigen und damit auch die Zahl der Menschen, die zur Sicherung ihrer Existenz im Alter auf staatliche Unterstützung angewiesen wären. Die Folgen wären eine zusätzliche Belastung der Sozialkassen und/oder der Steuerzahler, was wiederum die erhofften Einspareffekte durch die Heraufsetzung des Rentenalters zunichte machen würde.

Anstatt die Folgen des demographischen Wandels durch eine Heraufsetzung des Rentenalters zu bekämpfen, sollten in Deutschland brachliegenden Leistungspotentiale konsequenter genutzt werden:

So liegt bei den Männern das durchschnittliche Renteneintrittsalter derzeit bei rund 63 Jahren; Frauen gehen durchschnittlich in Westdeutschland mit 63,2 Jahren und in Ostdeutschland mit 61,7 Jahren in Renten. Die Herausforderung besteht darin, das durchschnittliche Renteneintrittsalter dem gesetzlichen Renteneintrittsalter anzunähern. Zugleich besteht erheblicher Handlungsbedarf bei der Frage der Art des Arbeitsverhältnisses von älteren Beschäftigten: Nur jeder 14. Bürger zwischen 63 und 65 Jahren hat derzeit eine sozialversicherungspflichtige Vollzeitstelle. Selbst bei den 58- bis 63-Jährigen liegt die Quote derzeit nur bei ebenfalls bescheidenen 26,6 Prozent!

Auch bei den jüngeren Menschen liegt viel Potential brach. Der Anteil der ausbildungsunwilligen oder ausbildungsunfähigen Jugendlichen steigt seit Jahren. Die Folge: Immer mehr Unternehmen können Ausbildungsstellen nicht besetzen, weil sie keine geeigneten Bewerber finden können. Die Politik muss ihr Augenmerk darauf richten, Kinder aus Problemfamilien zu fördern und ihre Bildungschancen zu verbessern. Dann können auch mehr junge Menschen in sozialversicherungspflichtige Tätigkeiten gebracht werden. Damit würde auch der in beunruhigendem Maße wachsende Fachkräftemangel bekämpft werden.

Erfolge bei diesen Herausforderungen bessern die Finanzlage der Rentenversicherung und können die Debatte um eine weitere Heraufsetzung des Rentenalters auf 70 überflüssig machen. Es gibt genügend Alternativen zur Stabilisierung des Rentensystems.

V.i.S.d.P.: Henning Röders

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